Eigentlich hätte ich ja jetzt vom Asperger-Syndrom schreiben sollen, wenigstens die Überschrift dergestalt gestalten sollen. Dann hätten alle, spargelmampfend Stieg Larsson gelesen, dort eine Hauptfigur mit dem Asperger-Syndrom vorgefunden und schleunigst das Internet angeschmissen und fleissig gegoogelt. Vielleicht hätte man dann diesen Eintrag gesehen und gedacht: Jo, jetzt weiß ich das also auch”!
Schade, der Gedanke kam zu spät. Aber unter Umständen hält man ja Asparagus für Asperger und lässt sich mal eben ein X für ein U vormachen.
Aber an sich wollte ich mich doch nur ein wenig von diesem seltsamen Gemüse distanzieren, welches sich besonders im Frühjahr auf allerlei Tischen im Gastronomiegewerbe und der selbsternannten Gaumenfreudenfreunden, unabhängig von Sender und Sendezeit in manngfaltiger Vielfältigkeit, wiederfindet. Da wird – nun um ein Wortspiel gleichsam auf der Zunge zergehen zu lassen – gespargelt, was das Zeuch hält. Grüner Spargel, junger Spargel, weißer Spargel, 1a-Spargel, roher Spargel, Spargel mit Schinken, Sparkel mit Sauce Hollandaise, mit ach was weiß ich schon. Da wird Spargel brutal enthauptet, und das Produkt gleichsam als Delikatesse mit viel Raffinesse kredenzt. Kaum ein Restaurant, das was auf sich hält, in dem man nicht guten deutschen Spargel, unter Mühsal dem Boden durch osteuropäische Wanderarbeiter entrissen, in einer wahnwitzigen Variation auf die Karte und dann auf den Teller geworfen bekommt.
Nun denn, wenn es den Genießern des geschmacklosen Vertreters der Magnoliopsida (Bedecktsamer), so gefällt, so soll es ihnen nicht verwehrt sein. Doch dieser Eiertanz um ein Stück weißes längliches Gemüse ist ja noch ridiküler, als der Tanz ums goldene Kalb dem guten Moses erschien. Vielleicht nicht gar so frevelhaft und blasphemisch. Aber in seiner Ausprägung nimmt es doch ein ähnliches Format an. Und dann die zornigen Blicke, die man erntet, wenn man diesen kulinarischen Genuss gar noch so bewertet, wie es sich gehört, nämlich absolut fad und nach einem ersten Versuch nicht mehr wiederholenswert. Ich mag Spargel noch nicht einmal auf Pizza, und die kann ich eigentlich immer essen – eben nur nicht mit Spargel. Mit allem anderen, doch nicht mit Spargel.
Und dann kommt einem in den letztn Wochen noch ein Virus dazwischen, ein EHEC-Virus. Und dann muss man auf das andere leckere Gemüse, egal ob aus Spanien oder aus Niedersachsen verzichten. Blattsalat, Tomaten und Gurken. Hmmmmm, da läuft einem als alter Geniesser doch das Wasser im Munde zusammen, aus dem dieses Zeug hauptsächlich besteht. Ich glaube immer noch, dass diese Pandemie aus unseren Landen – frisch auf den Tisch – von militanten Fleischessern verbreitet wurde. Neh, was ist dieser Virus peinlich für unsere ganze Hygieneinspektionsindustrie, angefangen bei den Lebensmittelkontrollen über die Gesundheitsämter bis zu den Vetrinärämtern und dann rauf zum Gesundheitsministerium und dem Ministerium für Verbraucherschutz. Glück hatte der profilierungssüchtige Rösler auch noch, dass er vor Ausbruch des EHEC-Virus Wirtschaftsminister werden konnte, und sein Nachfolger Daniel Bahr (kennt den eigentlich einer) durfte sich dann mit dieser dummen Geschichte rumärgern und, wie in den letzten Jahren immer häufiger festzustellen, in einer Reihe mit anderen führenden FDP-Politikern als wenn nicht inkompetent, dann wenigstens unglücklich im Umgang damit beweisen. Möllemann und seine antisemitischen Flugblätter, Rösler und seine Gesundheitsreform, Westerwelle und seine Bitte um deutsche Fragen auf einer deutschen Pressekonferenz in Deutschland, und nun Daniel Bahr – und ich muss es zugeben, ich musste erst einmal nachschauen, wer unser Bundesesundheitsminister derzeit ist, obwohl der während der heißen Phase der EHEC-Epidemie doch fast täglich in den Nachrichten mit Durchhalteparolen war. Und ich habe einen weiteren farblosen Politiker der derzeitigen Führungsriege in unserem Lande vergessen. Wer war noch unser Mann für die Entwicklung? Niebel, glaube ich, oder so. Auch egal.
Genug von farblosen faden FDP-Politikern und zurück zum farblosen faden Spargel. Eine kleine Episode meines Umgangs mit diesem geschmacksneutralen Krempel mag meine Einstellung dazu bestens dokumentieren:
Dereinst wurde ich an einem Abend beim gemeinsamen Kochen mit Freunden (noch lange vor dem medialen Ausschlachten des Zelebrierens eigenen kochtechnischen Unvermögens a la Promi-Dinner oder ähnlichem) mit der einfachen Aufgabe betraut, die Enden des Spargels abzuschneiden. Nun alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei, und getreu diesem Motto schnitt ich also die Enden der Spargelstangen ab und verbrachte diese ökotechnisch korrekt zum Komposteimer. Was ich nicht wußte, war, dass die Ernährungsirrelevanten, dafür aber gourmettechnisch höchst wichtigen Spargelköpfe, das eine Ende darstellen und somit dem Spargel ca. 99,99999999% des angeblich leckeren entzogen wurde.
Auch nicht schlimm,
Bonifatius
