Oh Du Fröhliche

Jaja, bald ist wieder Weihnachten und alle haben sich lieb. Die Fehler anderer, noch wenige Wochen zuvor argwöhnisch begutachtet und feindselig moniert, werden nun mit einem Schulterzucken abgetan. Geschenkt, denn es ist ja Adventszeit und der Sohn Gottes steht vor seinem angeblich 2011 Geburtstag. Wobei, ja eigentlich vor seinem 2010, oder? Weihnachtszeit — die Familie freut sich auf den Stress des Geschenkeerstehens, auf die Verwandtschaft zu Besuch und die ewigen gleichen ritualisierten Handlungen des Essens und des Trinkens und des im Familienstreit ausbrechens. Fürwahr keine schöne Aussicht. Genauso unschön, dass man denkt: Komm im nächsten Jahr wird alles anders, es wird besser. Das Jahr legen wir ad Acta und wir freuen uns auf weitere 365 Tage in der gleichen Tretmühle. Man wird halt besinnlich, verzeihend, freundlich. Schade, eigentlich sollte man doch die anderen Tage im Jahr ähnlich handeln.
Toll immer, wenn die selbsternannten Perfektionisten -ganz groß im Verzeihen eigener Unzulänglichkeiten – plötzlich auch von der vorweihnachtlichen Stimmungsseligkeit gepackt werden, und süßlich lächelnd über die kleinen und großen Fehltritte Anderer hinwegsehen können. Das macht Mut und gibt Hoffnung auf das neue Jahr. Leider ist von dieser ganzen getimten Großzügigkeit dann wenige Wochen nach Weihnachten nichts mehr zu spüren. Da wird dann wieder mit den allen zur Verfügung stehenden Ellebogen gekämpft, da wird intrigiert, da wird denunziert wie zuvor. Nun, dies gilt wahrscheinlich nicht für die braune Mischpoke, die ein gutes germanisches Weihnachtsfest feiert und den Geburtstag eines Juden durch Verschenken von Schulhof-CDs der NPD begeht. Sollte man denen vielleicht sagen. Müssen sich die braunen Gespenster dann doch wieder zur Wintersonnenwende im Wald den Arsch abfrieren. Recht so.
 
 

Leise rieselt der Schnee,
still und starr ruht der See
weihnachtlich glänzet der Wald:
Freue dich, Christkind kommt bald!

In den Herzen ist’s warm,
still schweigt Kummer und Harm,
Sorge des Lebens verhallt:
Freue dich, Christkind kommt bald!

Bald ist heilige Nacht,
Chor der Engel erwacht,
hört nur, wie lieblich es schallt:
Freue dich, Christkind kommt bald!

Still und starr ruht derzeit ja nicht nur der See, sondern still und star ruht auch unser Bundespräsident. Da hat das Christkind ihm dereinst eine kleine Gabe von 500000 Euro gebracht, und er sagt darüber solange häppchenweise die Wahrheit, dass selbst der allzeit und schon wieder zu Unrecht beliebte Guttenberg, rasend schnell kleinere Unaufmerksamkeiten einräumte.

In den Herzen ist´s warm/still schweigt Kummer und Harm: Ja, wenn man nicht zu den 12 Millionen armutsgefärdeten Menschen gehört, die es derzeit in Deutschland gibt. Wenn man sich für 760 Euro ein Ipad kaufen kann, oder sich den Spaß machen kann, dieses auch nur zu verschenken. Das sind nur knappe 180 Euro weniger als die offizielle Armutsgrenze derzeit in Deutschland ausmacht. Und die 940 Euro sind nicht der Verdienst netto, der die Armutsgrenze ausmacht, nein das ist das, was man zur Verfügung hat. Es soll ja schon bleiche Gesichter von Menschen in den schönen Vororten der Städte geben, die nicht wissen, ob sie ihrem verzogenen Balg jetzt doch die teure – weil Cliquentaugliche – Hardware  zu Weihnachten schenken, oder den Hund aus der Hundeschule nehmen sollen. Als Kompromiss kann man ja zur Reduktion der privaten Kosten die Putzfrau vor Weihnachten vor die Tür setzen, und dann den Hund erziehen lassen und das Kind durch eine Flatrate und ständigen Facebook-Kontakthaltemöglichkeit erziehen. Man kann eben nicht alles haben: Toperzogener Hund, nichtquengelnde Kinder und ein sauberes Haus. Ein wenig Schwund ist halt immer.

Morgen kommt der Weihnachtsmann
kommt mit seinen Gaben
Trommel Pfeifen und Gewehr
Fahn’ und Säbel und noch mehr
ja ein ganzes Kriegesheer möcht ich gerne haben

Bring uns lieber Weihnachtsmann
bring auch morgen bringe
Musketier und Grenadier Zottelbär und Panthertier
Ross und Esel Schaf und Stier
lauter schöne Dinge

Doch du weißt ja unsern Wunsch
kennst ja unsre Herzen
Kinder Vater und Mama auch sogar der Großpapa
alle alle sind wir da
warten dein mit Schmerzen

Kann man haben. Man muss nur in die Gegenden ziehn, in denen unsere Bundeswehr unser Land verteidigt: Afghanistan, Irak, Kosovo. Super, hat sich jeder Soldat genauso gewünscht. Genau das, und nichts anderes. Dereinst unterm Weihnachtsbaum.

 

Da halte ich es dann doch lieber mit Erich Kästner:

Morgen Kinder, wird´s nichts geben!
Nur wer hat, kriegt noch geschenkt.
Mutter schenkte Euch das Leben.
Das genügt, wenn man’s bedenkt.
Einmal kommt auch eure Zeit.
Morgen ist’s noch nicht soweit.

Doch ihr dürft nicht traurig werden.
Reiche haben Armut gern.
Gänsebraten macht Beschwerden.
Puppen sind nicht mehr modern.
Morgen kommt der Weihnachtsmann.
Allerdings nur nebenan.

Lauft ein bisschen durch die Straßen!
Dort gibt’s Weihnachtsfest genug.
Christentum, vom Turm geblasen,
macht die kleinsten Kinder klug.
Kopf gut schütteln vor Gebrauch!
Ohne Christbaum geht es auch.

Tannengrün mit Osrambirnen –
Lernt drauf pfeifen! Werdet stolz!
Reißt die Bretter von den Stirnen,
denn im Ofen fehlt’s an Holz!
Stille Nacht und heil’ge Nacht –
Weint, wenn’s geht, nicht! Sondern lacht!

Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!
Wer nichts kriegt, der kriegt Geduld!
Morgen, Kinder, lernt fürs Leben!
Gott ist nicht allein dran schuld.
Gottes Güte reicht so weit …
Ach, du liebe Weihnachtszeit!

Und das hat er 1928 geschrieben. Lediglich 83 Jahre her.

 


Das Asparagus-Syndrom

Eigentlich hätte ich ja jetzt vom Asperger-Syndrom schreiben sollen, wenigstens die Überschrift dergestalt gestalten sollen. Dann hätten alle, spargelmampfend Stieg Larsson gelesen, dort eine Hauptfigur mit dem Asperger-Syndrom vorgefunden und schleunigst das Internet angeschmissen und fleissig gegoogelt. Vielleicht hätte man dann diesen Eintrag gesehen und gedacht: Jo, jetzt weiß ich das also auch“!

Schade, der Gedanke kam zu spät. Aber unter Umständen hält man ja Asparagus für Asperger und lässt sich mal eben ein X für ein U vormachen.

Aber an sich wollte ich mich doch nur ein wenig von diesem seltsamen Gemüse distanzieren, welches sich besonders im Frühjahr auf allerlei Tischen im Gastronomiegewerbe und der selbsternannten Gaumenfreudenfreunden, unabhängig von Sender und Sendezeit in manngfaltiger Vielfältigkeit, wiederfindet. Da wird – nun um ein Wortspiel gleichsam auf der Zunge zergehen zu lassen – gespargelt, was das Zeuch hält. Grüner Spargel, junger Spargel, weißer Spargel, 1a-Spargel, roher Spargel, Spargel mit Schinken, Sparkel mit Sauce Hollandaise, mit ach was weiß ich schon. Da wird Spargel brutal enthauptet, und das Produkt gleichsam als Delikatesse mit viel Raffinesse kredenzt. Kaum ein Restaurant, das was auf sich hält, in dem man nicht guten deutschen Spargel, unter Mühsal dem Boden durch osteuropäische Wanderarbeiter entrissen, in einer wahnwitzigen Variation auf die Karte und dann auf den Teller geworfen bekommt.

Nun denn, wenn es den Genießern des geschmacklosen Vertreters der  Magnoliopsida (Bedecktsamer), so gefällt, so soll es ihnen nicht verwehrt sein. Doch dieser Eiertanz um ein Stück weißes längliches Gemüse ist ja noch ridiküler, als der Tanz ums goldene Kalb dem guten Moses erschien. Vielleicht nicht gar so frevelhaft und blasphemisch. Aber in seiner Ausprägung nimmt es doch ein ähnliches Format an. Und dann die zornigen Blicke, die man erntet, wenn man diesen kulinarischen Genuss gar noch so bewertet, wie es sich gehört, nämlich absolut fad und nach einem ersten Versuch nicht mehr wiederholenswert. Ich mag Spargel noch nicht einmal auf Pizza, und die kann ich eigentlich immer essen – eben nur nicht mit Spargel. Mit allem anderen, doch nicht mit Spargel.

Und dann kommt einem in den letztn Wochen noch ein Virus dazwischen, ein EHEC-Virus. Und dann muss man auf das andere leckere Gemüse, egal ob aus Spanien oder aus Niedersachsen verzichten. Blattsalat, Tomaten und Gurken. Hmmmmm, da läuft einem als alter Geniesser doch das Wasser im Munde zusammen, aus dem dieses Zeug hauptsächlich besteht. Ich glaube immer noch, dass diese Pandemie aus unseren Landen – frisch auf den Tisch – von militanten Fleischessern verbreitet wurde. Neh, was ist dieser Virus peinlich für unsere ganze Hygieneinspektionsindustrie, angefangen bei den Lebensmittelkontrollen über die Gesundheitsämter bis zu den Vetrinärämtern und dann rauf  zum Gesundheitsministerium und dem Ministerium für Verbraucherschutz.  Glück hatte der profilierungssüchtige Rösler auch noch, dass er  vor Ausbruch des EHEC-Virus Wirtschaftsminister werden konnte, und sein Nachfolger  Daniel Bahr (kennt den eigentlich einer) durfte sich dann mit dieser  dummen  Geschichte rumärgern und, wie in den letzten Jahren immer häufiger festzustellen, in einer Reihe mit anderen führenden FDP-Politikern als wenn nicht inkompetent, dann wenigstens unglücklich im Umgang damit  beweisen. Möllemann und seine antisemitischen Flugblätter, Rösler und seine Gesundheitsreform, Westerwelle und seine Bitte um deutsche Fragen auf einer deutschen Pressekonferenz in Deutschland, und nun Daniel Bahr – und ich muss es zugeben, ich musste erst einmal nachschauen, wer unser Bundesesundheitsminister derzeit ist, obwohl der während der heißen Phase der EHEC-Epidemie doch fast täglich in den Nachrichten mit Durchhalteparolen war. Und ich habe einen weiteren farblosen Politiker der derzeitigen Führungsriege in unserem Lande vergessen. Wer war noch unser Mann für die Entwicklung? Niebel, glaube ich, oder so. Auch egal.

Genug von farblosen faden FDP-Politikern und zurück  zum farblosen faden Spargel. Eine kleine Episode meines Umgangs mit diesem geschmacksneutralen Krempel mag meine Einstellung dazu bestens dokumentieren:

Dereinst wurde ich an einem Abend beim gemeinsamen Kochen mit Freunden (noch lange vor dem medialen Ausschlachten des Zelebrierens eigenen kochtechnischen Unvermögens a la Promi-Dinner oder ähnlichem) mit der einfachen Aufgabe betraut, die Enden des Spargels abzuschneiden. Nun alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei, und getreu diesem Motto schnitt ich also die Enden der Spargelstangen ab und verbrachte diese ökotechnisch korrekt zum Komposteimer. Was ich nicht wußte, war, dass die Ernährungsirrelevanten, dafür aber gourmettechnisch höchst wichtigen Spargelköpfe, das eine Ende darstellen und somit dem Spargel ca. 99,99999999% des angeblich leckeren entzogen wurde.

Auch nicht schlimm,

Bonifatius


Kaleidoskop

zyklische bewegung – rechtes bein – linkes bein – tritt die pedale – übertrage kraft auf kette

gedanken reihen sich wie perlen – kette mit ungleichen gliedern – ist nur so stark, wie das schwächste – kette reißt, bruchstücke – in wasserlachen und ölpfützen – das bild – tausendfach gebrochen -  fahles licht der strassenlaternen – und dazwischen der wunsch die gedanken zu ordnen. schaffe es nicht. zu viele eindrücke, die verarbeitet werden wollen. doch ich kann sie nicht festhalten, kaum bin ich dem einen eindruck auf der spur, kann ihn benennen, kann ihn verstehen, schiebt sich von tief innen der nächste nach vorne, drängelt, will auch verarbeitet werden. heraus kommt lediglich ein kessel von kaleidoskopischen gedanken, die ein wenig geschüttelt ein neues bild ergeben. kein bild bleibt und wird interpretiert. ich trete auf der stelle und komme nicht weiter. intuitiv vergesse ich das atmen nicht. versuche dennoch das eine oder andere ansatzweise zu begreifen. die andere zyklik im leben: aufstehen, nahrungsaufnahme, nach draußen, arbeiten, nach draußen, nahrungsaufnahme, schlafen. alles zerrt an mir. gute ratschläge soll ich geben, entscheidungen treffen für andere. wer gibt mir einen ratschlag? wer will für mich entscheiden?

will nichts mehr entscheiden, will keine guten ratschläge geben, noch nicht einmal schlechte. will mich nicht ganz aufgeben. will weiterhin ich sein. will keinem wehtun. will weitermachen. nur womit? zwischendurch bücher, lieder, die mich erinnern, was ich dereinst wollte, wer ich dereinst war. will daran anknüpfen. ist das denn noch zeitgemäß? und für wen oder was mache ich das?

tod atomkraftwerke  stuttgart libyen ägypten zu guttenberg – als gäbe es nicht gutes. muss darüber auch nachdenken, meine position finden, meine meinung formulieren. will meistens keiner hören. auch egal.

heute ist karfreitag im jahr 2011 und die tagesschau sagt mir um 20.15h in dieser reihenfolge:

libyen, syrien, fukushima, krafreitagsprozession in jerusalem unter bewachung israelischer sicherheitskräfte, seehofer will doch die maut für pkw. na wenigstens eine nicht ganz so desaströse nachricht. das positivste wird für den schluß aufgehoben: das wetter. am osterwochenende soll es warm sein, über 20°C. wär ja auch beschissen, wenn auch noch das wetter verhagelt wäre. und morgen? geht es weiter. der krug geht so lange zum brunnen, bis er bricht.

viel fehlt mir nicht mehr dazu.

Bonifatius


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