Schon wieder Monatsende

2010 Januar 27
von bonifatius

Meine Güte, liegt es am zunehmenden Alter, dass die Monate immer schneller vorbeigehen, oder an der Monotonie des Alltags? Gerade eben habe ich noch Weihnachtsgeschenke gekauft, eingepackt, auch ausgepackt, und nun muss ich mich schon um die Karnevalskostüme kümmern. Ist natürlich ein Scherz, denn das werde ich beim besten Willen nicht in der Form begehen, wie sie mir immer wieder in den öffentlichen Verkehrsmitteln im wahren Sinne des Wortes entgegenkommt. Gerne auch in Form reinen Alkohols, dargebracht durch den stöhnenden Mund eines Halbwüchsigen mir gegenüber. Neh, dem verschließe ich mich mit Hinweis auf Arbeit.
Aber zurück zur ersten Frage, was macht die Zeit denn so schnell? Einstein behauptete, dass eine Stunde mit einer attraktiven Frau auf einem Sofa im Fluge vergehe, während eine Sekunde mit dem nackten Hintern auf einem glühenden Ofen einem wie Stunden vorkämen. Ich muss mich demnach während des gesamten Zeitraums von Weihnachten bis heute nur mit attraktiven Frauen auf Sofas herumgetrieben haben. Verdammt, warum habe ich dann keine Erinnerung daran, sondern nur an die alltäglichen und immer wiederkehrenden gleichen Gespräche, Gesprächsverläufe und physischen Handlungen auf “Maloche”, um es im Ruhrpott-Idiom auszudrücken. Dabei heißt es doch, dass früher die Sommer alle viel schöner waren. Nicht, dass sie es wirklich waren, aber unser Gedächtnis spielt uns gerne diesen euphemisierenden Streich. Mein Gedächtnis hält sich scheinbar an die nackte, von mir wahrgenommene Realität — subjektiv zwar, aber dank modernster Dokumentationsmittel (also Notizbücher mit analogem Schreibgerät, genannt Kugelschreiber), im wesentlichen verifiziert. “Im Westen eben nichts Neues!”
Und da denke ich, dass ich mit Menschen arbeite, und dass dann gerne auch Überraschungen geschehen können, Unerwartetes, Neues. Oh ja, mitunter ja, dann wirds aufgeschrieben, ein Post-It reicht, und ab an die Zitatenwand. So sammeln sich im Laufe des Jahres die wenigen wirklich witzigen Zitate und Geschehnisse auf etwa einem Quadratmeter Platz. An der betreffenden Wand ist noch Platz, und ich schätze, dass wir den restlichen Raum in den nächsten fünf bis zehn Jahren (ist eine vorsichtige, aber optimistische Schätzung) auch noch gefüllt bekommen.
Ist denn dann aber die Monotonie gewollt, und wenn ja, von wem? Sind es die Klienten, die in einer zufriedenen Blase wabern und denken, sie haben alles erreicht? Sind es Vorgesetzte, die den Alltag soweit kanonisiert haben, dass alles abweichende auch von mir als Belästigung angesehen wird? Als Unterbrechung meiner bezahlten Freizeit durch die Arbeit? Will gar ich auch keine Veränderung, da ich mich ja gerade so schön automatisiert habe und die einzelnen Arbeitsschritte flüssig von der Hand gehen, und ich auch meinen Kopf nicht mi überflüssiger Mehrleistung belasten möchte?
Habe ich möglicherweise eine Midlife-Crisis? Habe ich mir letztens echt mal überlegt. Auffem Weg zur Arbeit, woll!?
So in der Bahn sitzend und dann den einsteigenden Schülern zusehend, die nichts besseres vorhaben, als nachmittags sich mit Freunden zu treffen und das Essen zu sich zu nehmen, welches Mama ihnen auf den Tisch stellt. Und die müssen nicht ihren Lebensunterhalt verdienen, Die werden noch von den Eltern finanziert. (Es sei dabei erwähnt, dass mich mein Weg zur Arbeit durch einige der nobleren Viertel Kölns führt).
Also um die Frage zu beantworten, die nach der Midlife-Crisis: Nein, eigentlich habe ich die nicht. Ich kann die nicht haben, denn ich habe es immer so verstanden, dass man an einem Punkt in seinem Leben steht, gerne auch wenn man so in meinem Alter ist, an dem man sich fragt, ob das bisher erreichte und die früher mal gesteckten Ziele denn noch kongruent sind. Nun, hmmmmm, ich wollte mal Bibliothekar werden, und bin froh, dass ich´s nicht wurde. Ich wollte mal Krankengymnast werden, und eigentlich habe ich dazu auch keine Lust. Ich denke ich wußte eigentlich nie, was denn aus mir werden sollte. Und vor allem habe ich mir auch nie ein Ziel gesteckt, welches gesellschaftlich normiert von mir erreicht werden wollte.
Die Typen kenne ich auch, die dann Jazzmusik hörend, Wein trinkend ihrem Kind im Garten des Eigenheim beim spielen zuschauen, und dem Kind dann die gleiche fragwürdige Ellebogenmentalität einimpfen, die sie selber ausleben. Die eine Zero-Tolerance-Politik all denen gegenüber führen, die nicht in ihr kleinbürgerliches Rama-Idyll passen. Mit einem war ich sogar mal fast zwanzig Jahre richtig gut befreundet. Aber ich bin immer noch nicht verheiratet, kann immer noch kein Auto fahren, mag immer noch keine Jazzmusik, und trag ungern Cordsakkos aus edlem Tuch. Ich bin, glaube ich, kein guter Umgang mehr für ihn.
Und dann merkt man, dass die Zeit, wie im Fluge vergeht, denn
“einst junge Wilde sind gefügig, fromm und zahm,
gekauft, narkotisiert und flügellahm”
(Reinhard Mey, “Narrenschiff” auf Flaschenpost, 1998)
Tja, ich glaube, dass mich nicht die vielbeschworene Midlife Crisis erwischt hat, vielleicht ist´s nur e kleine Winterdepression, die vorbeigeht, wenn wieder mehr Licht auf meine Netzhäute fällt. Denn die Tage werden ja jetzt wieder länger. Und das nächste Weihnachten steht demnach auch bald bevor.
Vorher werden wir aber noch den Karneval ertragen müssen.
Allaf und Helau,
Bonifatius

Democracy now!

2009 Dezember 28

Nur mal kurz so nebenbei. Wenn ich höre, dass im Iran Regimekritiker gerne mal auch den Staat gewaltvoll eingetrichtert bekommen, und in China Liu Xiaobo wegen einer Unterschrift unter die Charta 08 elf Jahre Haft bekommt, dann muß man sich als Politikkritiker in Deutschland ja nur vor dem Rauswurf als ZDF-Chefredakteur veranlasst durch den guten Demokraten Roland Koch fürchten. Und um wieviel subtiler ist es dann von Herrn Koch, nur einen unbequemen Journalisten abzusägen, als ihn öffentlich durch hessische Hinterwäldlerdemokraten durch eben diesen Hinterwald zu jagen und ihn dann dem abgestumpften – und viel zu satten – Stimmvieh zum Fraße vorzuwerfen. Aber die anderen sind ja sooo undemokratisch, Pfui!

Also bevor sich eine Fäustchen schüttelnde Angie über die vermeintlich so Pressefeindliche Politik anderer Regierungen aufregt und ihn ein massives und energisches “Buuuuh” entgegenschleudert, sollte sie sich doch mal den hessischen Schwarzgeldverstecker zur Brust nehmen und ihn in aller gebotenen Öffentlichkeit davon unterrichten, dass die Medien nicht dem Staat gehören (sollten). Aber warum vor der eigenen Türe kehren? Dann doch lieber wieder mit dem Finger auf die anderen zeigen und von den hiesigen Un-Demokraten ablenken. Mit einem deutschen Journalisten haben wir ja keine Wirtschaftsbeziehungen. Wir brauchen kein Gas von dem, wie von Russland, der verkauft uns kein giftiges Spielzeug und gefälschte Markenartikel, mit denen auch der Ärmste im Land für ein paar Groschen eine Dior-Tasche oder ein Chanel-Parfüm tragen kann, und dann ruhig ist und sein Prekariat nicht allzu deutlich ist. So ein deutscher Journalist ist auch nicht wirklich strategisch wichtig in einem Teil der Welt, in dem die Deutschen schon seit langem gerne mal Waffen und anderes Kriegsspielzeug liefern. Der ist nur ein kleines Licht. Und unwichtig. Und daher ist die Kritik der Biene-Maja-Koalition mit Angela als tapferen Maja und Westerwelle als schläfrig-näselndem Willy und von der Leyen als Fräulein Kassandra mit weisen Tipps zur Bewältigung des Lebens in finanzieller Hochlage, nur wenig vernehmbar, wenn ein konservativer Anden-Paktler aus Hessen unauffällig aber bösartig genau die gleichen Ziele verfolgt, wie die bösen Bösen  in Teilen der Welt, die für den Wirtschaftsstandort Deutschland nützlicher sind, als der Chefredakteurssessel in Mainz.

Ach was lob ich mir meine kleine Scheindemokratie in Deutschland. Da wirste wenigstens so versteckt verarscht, dass du es nicht einmal mitbekommst. Und die Schlimmen sind wieder die anderen. Aber auch dafür hatte Herr Koch schon immer eine passende Lösung.

Frohes neues Jahr und schöne neue Welt wünsche ich noch,

Bonifatius

Nur mal nebenbei

2009 Dezember 16
von bonifatius

Will mal eben kurz nur so ´n bißchen Werbung machen. Letzten Sonntag war ich nämlich in Köln abends unterwegs und habe mir in einem Club ein paar Leute bei ihrem Auftritt angeschaut.

Der Abend begann mit zwei sehr lustigen Bonnern — und ich dachte nach Gisbert Haefs gäb´s keinen mehr, der aus Bonn kommt und dann noch witzig ist. Weit gefehlt, denn die beiden haben mich schwer amüsiert und musikalisch auch noch überzeugt. Also wenn die mal in der Nähe auftreten sollten, dann geht hin. Zur Vorab-Information.

www.posiversum.de/

Danach trat dann Kriss Cologne auf. Witzigerweise treffe ich auf den Sänger im privaten Rahmen so ein-zwei Mal im Jahr. Und immer haben wir uns gut verstanden. Ist kein Grund seine Musik zu mögen, aber trotzdem….. . Wenn man dann mal Google aufschlägt und unter dem Stichwort “Kriss Cologne” schaut (ich merke gerade, dass ich noch ein wenig sprachlich im Vor-Internet-Zeitalter verhaftet bin), habe ich etwa 235.000 Einträge gefunden. Aber um dem geneigten Leser die Suche zu ersparen und die damit verbundene Auswahl, mal eben hier der entscheidenste Link:

www.krisscologne.de

Den Abschlu des Abends gestaltete dann Strom und Wasser. Erinnert mich manchmal ein wenig an die alten Sachen von Tom Waits (Swordfishtrombone u.ä.), aber die Texte sind deutsch und nicht so stark genuschelt. Auch ist es eine kleine Band bestehend aus drei Personen. Echt cool, Mann.

www.strom-wasser.de

Nur falls man abends nichts zu tun hat, und zufällig einer der drei in der Nähe ist. Dann geht mal hin.

Gruß, Bonifatius